Weltbild und Weltanschauung sind zweierlei, ebenso wie Verstand und Gemüt, Wissen und Glauben zweierlei sind. Aber sie sind nicht unabhängig voneinander. Wissen und Glauben finden ihre Einheit in dem Menschen, der etwas weiß und der zugleich etwas glaubt. So sollten auch Weltbild und Weltanschauung im Menschen eine Einheit finden oder doch zum mindesten diese Einheit suchen.
Aber nicht alle Menschen haben den gleichen inneren Antrieb, diese Einheit zu suchen. Auch sind nicht alle Menschen ihrem ererbten Wesen nach im gleichen Ausmaß in der Lage, sie zu finden. Schon bei den großen Rassen der Erde herrschen hierin Unterschiede. Diese Unterschiede setzen sich aber auch zum Teil in den Angehörigen ein und desselben Volkes fort. Obwohl das wissenschaftliche Weltbild der Gegenwart den Angehörigen aller Rassen und Völker, die die Wahrheit ehrlich und fleißig suchen, in Wort und Schrift in den Laboratorien und Universitäten und Hochschulen der Welt in gleichem Maße zugänglich wäre, sind doch die Weltanschauungen, die Gedanken über Gott und Welt, Sinn und Wert, Aufgabe und Ziel, über Mensch und Schöpfung recht verschieden. Das liegt zum Teil an der erblichen Ungleichheit der Menschen, zum Teil an ihrer Erziehung (I, II) und Ausrichtung.
Der Mensch des Fernen Ostens sucht häufig, wenn er die gesetzmäßigen Grundlagen des Weltalls erkannt hat, durch Passivität und willenloses Sich-anheim-Geben an die Mächte seiner Umwelt mit dem unbekannten letzten Grund aller Dinge, dem Göttlichen, eins zu werden.
Der Mensch des Vorderen Orients empfindet den göttlichen Urgrund der Welt als das „ganz Andere“. Er empfindet dieses „ganz Andere“ als so fremd und so unnahbar, dass er die Vereinigung mit dieser göttlichen Welt entweder in ein Jenseits nach dem Tode verlegt oder Propheten, Schriftgelehrte, Priester und andere Mittler sucht, die zwischen ihm, dem gewöhnlichen Menschen, und der ewigen „Dämonie“ und „Magie“ Brücken schlagen.
Die Vereinigung mit dem „ganz Anderen“ nennt der Vorderasiate dann „Erlösung“, die Brücke, die der Prophet zum Jenseitigen schlägt, empfindet der Orientale als Offenbarung. Ihre „Weltanschauung“ hält sich deshalb vom wissenschaftlichen Weltbild möglichst fern oder behandelt es als Sache für sich, die mit dem Glauben nichts zu tun hat. Bei diesen Menschen klafft nun auch eben solch eine Kluft, wie zwischen irdischem Diesseits und göttlichem Jenseits, zwischen dem nach ihrem Empfinden materialistischen oder mechanistischen Verstand und der idealistischen, nur dem Menschen eignenden und ihm von Gott eingehauchten Seele.
Der Mensch Nordeuropas endlich empfindet in der Regel die Welt als Einheit. Obwohl auch seine Gesamtpersönlichkeit sich aus erkennendem Verstand, wertender Seele und nach Gestaltung drängendem Willen zusammensetzt, hat ihn doch die harte Not und Wirklichkeit seines nordischen Zuchtraumes so gezüchtet, dass sich diese drei Eigenschaften und Fähigkeiten seines menschlichen Wesens nicht widersprechen, sondern vielmehr zur Meisterung des kampfreichen Lebens verbinden. So erlebt der nordische Mensch, wenn er einmal zu eigenständigem Besinnen reif und frei geworden ist, seinen Verstand als sein Organ, um die Dinge und Gesetzmäßigkeiten der Welt in sich und um sich her zu erkennen, die Seele, das Gemüt als sein Organ, diese Dinge einzuschätzen und zu werten, und den Willen als den Drang, diese Dinge zu gestalten, zu ordnen und zum Guten zu lenken. Dabei beraten Verstand und Gemüt den Willen. Dabei fragt der Verstand nach seelischem Wert und notwendiger Tat, und dabei wertet und richtet die fühlende Seele das Erkannte und Geschehene, den Plan und die Sehnsucht, den Verstand und die Aktivität. Deshalb ist im gesunden Mensch unserer Art der Geist niemals der Widersacher der Seele. Deshalb ruft er aber angesichts der erkannten Unendlichkeit und ihrer unwandelbaren Gesetzmäßigkeit auch nicht nach Zauberei, Magie, Gnade und Wundern. Deshalb liegt sein Glaube auch nicht mit seinem Verstand im Hader. Deshalb ist der erste Grundsatz seiner Frömmigkeit: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Deshalb wiederum wurde unsere Art zur Leistungsart, zur Art der Erfinder und Entdecker, deren Sehnsucht es war, die große Ordnung der Schöpfung in der Ordnung der Menschen anzuwenden und nachzuahmen.


