Wir haben uns bereits mit der Umsturzlehre des Karl Marx ausgiebig befasst. Anhand einer Analyse von Marxens Lehre wird deutlich, dass diese Theorie ausschließlich der Chaotisierung der Welt dient und darüber hinaus an inneren Widersprüchen leidet. Unter anderem ist ganz wesentlich, dass Marx ja behauptet hat, dass der Umsturz und die darauffolgende Diktatur des revolutionären Subjektes (das verelendete Industrieproletariat) sowie das Absterben des Staates und damit die Heraufkunft eines „Paradieses“ quasi automatisch und unabwendbar zustande kommt.
Ganz offensichtlich ist diese Theorie auch in der Praxis nicht bewiesen worden. Die kommunistischen Revolutionen fanden ausschließlich in rückständigen Agrargesellschaften wie Russland statt – wo das Industrieproletariat mangels Industrie nicht wesentlich vorhanden war – wurden von jüdischen Intellektuellen angeführt und von Asozialen ausgeführt. Auch das Paradies wollte nicht kommen und in Westeuropa nach dem 1.Weltkrieg verliefen die politischen Entscheidungen ohnedies gänzlich anders.
Antonio Gramsci war Mitbegründer und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens. Als solcher wurde er von den siegreichen Faschisten 1926 inhaftiert. Im Gefängnis verfasste er eine Unzahl theoretischer Abhandlungen über Marxismus und die ausbleibende Revolution. Auch Gramsci entgingen die inneren Widersprüche von Marxens Umsturzlehre nicht und nach Lenins Postulat der „Einheit von Theorie und Praxis“ versuchte er einen intellektuellen Ausweg aus dem Widerspruch zu finden, um doch noch zu einer tragbaren revolutionären Theorie zu gelangen.
Nach Gramsci wird der Übergang vom Kapitalismus zur „regulierten Gesellschaft“, das heißt zum Kommunismus, „vermutlich Jahrhunderte dauern“. (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 4, S. 888; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Wie soll dieser Übergang nun bewerkstelligt werden? Gramsci bietet dazu das Konzept der kulturellen Hegemonie an. Grundlegend für Gramscis Überlegungen zur Hegemonie sind seine Annahmen über den Staat. Für Gramsci ist der kapitalistische Staat einerseits repressiv, andererseits inkludiert er die Massen durch Teilhaberechte, wodurch der kapitalistische Staat sich Repression erspart und das Gefühl von Freiheit und Mitbestimmung verbreitet. Innerhalb des Staates unterscheidet Gramsci die politische und die Zivilgesellschaft. Diese lassen sich jedoch faktisch nicht voneinander trennen, da der „integrale Staat“ sich nicht auf die politische Gesellschaft begrenzen lässt, sondern auch die Zivilgesellschaft durchdringt. Gramsci unterscheidet die politische Gesellschaft als Sphäre des Zwangs und jene der Zivilgesellschaft als Sphäre des Konsens.
Eben diese Annahme vom Staat erklärt für Gramsci das Ausbleiben der kommunistischen Revolutionen in Westeuropa.
„Im Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallertenhaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verhältnis, und beim Wanken des Staates gewahrte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand, von Staat zu Staat mehr oder weniger, versteht sich […]“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 7, S. 874; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Die Stabilität des Staates wird somit auch durch ökonomische Krisen nicht zwangsläufig erschüttert und dies führt bei Gramsci zu der Annahme, dass eine starke Zivilgesellschaft neue politische Strategien erfordert. So sieht er einen Wechsel vom „Bewegungs- zum Stellungskrieg“. Gemeint ist damit, dass die schlagartige Abschaffung einer Herrschaft nicht möglich ist und anti-hegemoniale Projekte in einem Staat nur mehr durch die schrittweise Durchdringung der zivilgesellschaftlichen und staatlichen Bereiche erfolgreich sein können.
Diese Durchdringung soll nach Gramsci von Intellektuellen herbeigeführt werden.
„Jede gesellschaftliche Gruppe schafft sich, während sie auf dem originären Boden einer wesentlichen Funktion in der Welt der ökonomischen Produktion entsteht, zugleich organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen, die ihr Homogenität und Bewußtheit der eigenen Funktion nicht nur im ökonomischen, sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich geben: der kapitalistische Unternehmer schafft mit sich den Techniker der Industrie, den Wissenschaftler der politische Ökonomie, den Organisator einer neuen Kultur, eines neuen Rechts […]“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 7, S. 1497; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Ebendiese Intellektuellen nennt Gramsci die organischen Intellektuellen. Von diesen unterscheidet er die „traditionellen“ Intellektuellen. Worunter er Intellektuelle versteht, die von einer nach Hegemonie strebenden Gruppe bereits vorgefunden werden. Eine nach Hegemonie strebende Gruppe muss versuchen diese traditionellen Intellektuellen zu gewinnen, da diese die Meinungsmacher der herrschenden Ordnung sind.
„Eines der bedeutendsten Merkmale jeder Gruppe, die sich auf die Herrschaft hin entwickelt, ist ihr Kampf um die Assimilierung und ‚ideologischen‘ Eroberung der traditionellen Intellektuellen, eine Assimilierung, die umso schneller und wirksamer ist, je mehr die gegebene Gruppe gleichzeitig ihre eigenen organischen Intellektuellen heranbildet.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 7, S. 1500; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Nach Gramsci ist es die Aufgabe der Intellektuellen in den Institutionen des Staates die Herrschaft zu organisieren. Die Intellektuellen sind die „Gehilfen“ der herrschenden Gruppe bei der Ausübung der subalternen Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung, nämlich:
„1. des ’spontanen‘ Konsenses, den die großen Massen der Bevölkerung der von der herrschenden grundlegenden Gruppe geprägten Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens geben, eines Konsenses, der ‚historisch‘ aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erwächst;
2. des staatlichen Zwangsapparats, der ‚legal‘ die Disziplin derjenigen Gruppen gewährleistet, die weder aktiv noch passiv ‚zustimmen‘, der aber für die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der Führung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 7, S. 1502; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Welche sind nach Gramsci die entscheidenden Institutionen? Wo wird die Hegemonie der Herrschenden organisiert? Für Gramsci fällt die Entscheidung mit der „öffentlichen Meinung“.
„Was ‚öffentliche Meinung‘ genannt wird, ist aufs engste mit der politischen Hegemonie verknüpft, es ist nämlich der Berührungspunkt zwischen ‚Zivilgesellschaft‘ und der politischen Gesellschaft, zwischen dem Konsens und der Gewalt.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd. 4, S. 916; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)

Naheliegend erkennt Gramsci die Organe der Hegemonie in der Presse und überall dort wo „Meinung“ gemacht wird.
„Die Presse ist der dynamischste Teil dieser ideologischen Struktur, aber nicht der einzige: all das, was die öffentliche Meinung direkt oder indirekt beeinflusst oder beeinflussen kann, gehört zu ihr: die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs unterschiedlicher Art, bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und zu den Namen derselben.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd.2, S. 373; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Wie auch bei Lenin, ist die revolutionäre Kaderpartei der Kulminationspunkt der Organisation und der Ort wo die Assimilierung der traditionellen Intellektuellen vonstatten gehen soll. Diese Partei muss nach Gramsci über drei Bedingungen verfügen.
„1. Ein verbreitetes Element gewöhnlicher durchschnittlicher Menschen, deren Beteiligung sich durch Disziplin und Treue anbietet, nicht durch schöpferischen und in hohem Maße organisatorischen Geist. Ohne sie würde es die Partei nicht geben, das ist wohl wahr, aber es ist ebenso wahr, dass es die Partei mit ihnen ‚allein‘ auch nicht geben würde. Sie sind eine Kraft, sofern es jemand gibt, der sie zentralisiert, organisiert und diszipliniert, aber beim Fehlen dieser Kohäsivkraft würden sie auseinanderlaufen und sich in einer machtlosen Staubwolke auflösen. Es soll nicht bestritten werden, dass jedes dieser Elemente eine der Kohäsivkräfte werde kann, aber wir sprechen von ihnen in eben dem Moment, in dem sie es nicht sind oder nicht in der Lage sind, es zu sein, oder wenn sie es sind, es nur in einem engen Kreis, auf politisch unwirksame und folgenlose Weise sind.
2. Das hauptsächliche Kohäsivelement, das im nationalen Maßstab zentralisiert und ein Ensemble von Kräften wirksam und mächtig werden läßt, die sich selbst überlassen, nichts oder kaum etwas zählen würden; dieses Element ist mit einer im hohen Maß kohäsiv wirksamen, zentralisierenden, disziplinierenden und (vielleicht gerade deshalb) erfinderischen Kraft begabt […]: zwar würde dieses Element allein die Partei nicht bilden, doch würde es diese mehr bilden als das zuerst betrachtete Element. Es wird von Offizieren ohne Armee gesprochen, in Wirklichkeit ist es aber einfacher, eine Armee aufzustellen als Offiziere auszubilden. Dafür spricht jedenfalls , dass eine existierende Gruppe von Offizieren, gut eingespielt, in gutem Einvernehmen miteinander, mit gemeinsamen Zielen, nicht lange braucht, um eine Armee auch dort aufzustellen, wo es keine gibt.
3. Ein mittleres Element, welches das erste mit dem dritten Element verknüpft, sie nicht nur in „physischen“, sondern in moralischen und intellektuellen Kontakt miteinander bringt. In Wirklichkeit gibt es für jede Partei ‚bestimmte Proportionen‘ zwischen diesen drei Elementen, und das Höchstmaß an Wirksamkeit wird erreicht, wenn diese ‚bestimmten Proportionen‘ realisiert sind.“ (Antonio Gramsci, Gefängnishefte. Bd.7, S. 1696; Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von K. Bochmann und W.F. Haug, Hamburg 1991ff)
Da die revolutionäre Partei nur ein Werkzeug ist, wollen wir abschließend die von Gramsci formulierten Etappen auf dem Weg zur Revolution beschreiben.
1. Die ökonomisch-korporative Phase
Beispiele für ökonomisch-korporative Zusammenschlüsse sind Zünfte, Berufsverbände, Unternehmerverbände, Kammern und Gewerkschaften. In dieser Phase entstehen Organisationen welche gemeinsame Interessen artikulieren jedoch nicht das herrschende Weltbild und die Ordnung in Frage stellen.
2. Die ethisch-politische Phase
In der ethisch-politischen Phase entwickelt die aufstrebende Gruppe ein Bewusstsein und Organisationsformen welche es ihr ermöglicht eine eigene Programmatik zu erstellen. In dieser Phase werden auf dem ökonomischen Gebiet Kompromisse eingegangen während auf politischem Gebiet die führende Gruppe die Weltanschauung vereinheitlicht und damit die Dominanz verwirklicht.
Voraussetzung dafür ist laut Gramsci die Veränderung des Bewusstseins, welche durch Kritik und Selbstkritik erreicht werden soll. Daraus folgen eine Loslösung des Verstandes vom ideologischen Mainstream und die Entwicklung eines revolutionären Willens. Die Bildung der Massen ist dafür entscheidend und die Intellektuellen sind dafür die entscheidenden Agenten. Die Organisierung des neuen Willens wird nur über die revolutionäre Partei als Instrument der Organisation erreicht.
3. Die staatliche Phase
In der staatlichen Phase wird die Hegemonie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens erreicht und die Organe des Staates dem neuen Willen untergeordnet und umgebaut.
Abschließend lässt sich bemerken, dass Gramsci den Messianismus Marxens weitgehend verworfen hat und stattdessen mit Lenin die „Einheit von Theorie und Praxis“ postulierte. Gramscis Theorie fand Eingang in diverse linksextreme Zirkel und wurde unter anderem von den sogenannten 68ern mit ihrem Marsch durch die Institutionen und der Dominanz im Kulturellen zur Praxis erhoben. In neuerer Zeit versuchen vor allem „Neurechte“ sich dieser Theorie anzunehmen, in der Praxis spielt die Theorie derzeit keine Rolle.


