Je mehr man sich mit der praktischen Wirksamkeit und der Lehre Pestalozzis beschäftigt, desto großartiger erscheint der von ihm vollzogene Durchbruch durch den Individualismus. Der Schweizer hat in seinem Felde etwas Ähnliches geleistet wie der Ostpreuße Herder.
Wie Herder uns von dem individualistischen Denken der Aufklärung befreit und uns die Kultur als ein Erzeugnis der Völker zu fühlen und zu erkennen gelehrt hat, so hat Pestalozzi uns die Erziehung als eine Erziehung nicht nur für, sondern auch durch die Gemeinschaft gelehrt. In diesem Sinne können wir Pestalozzi den Herder der Pädagogik nennen.
Warum Erziehung trotz Vererbung?
Die Erziehung ist insofern bedeutsam, als sie die Entschlusskraft des Einzelnen auch auf wesentliche Ziele und Inhalte festlegen soll. Man entdeckt natürlich zugleich, dass kein persönlicher Willensentscheid und keine Erziehung den Menschen aus den Grenzen seiner angeborenen Wesensart entlassen, soweit sie auch sonst – innerhalb der Art – die Grenzen auszuweiten oder einzuengen vermag. Mit anderen Worten geben die Gene den Rahmen der Möglichkeiten und die Grenzen vor. Innerhalb dieser Grenzen ist durch Erziehung vieles möglich.
Friedrich Nietzsche gibt uns in seinem „Zarathustra“ das Ziel vor, wenn er schreibt:
„Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung. Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele. Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!“
Dieses Ziel zu erreichen ist Aufgabe der Erziehung. Humanismus und Aufklärung werden mit Recht „pädagogische“ Strömungen genannt. Unser heutiges Interesse an der Schule, am Lernen und Lehren, an Unterricht und Erziehung, stammt wesentlich aus diesen geistigen Bewegungen. Aus ihnen stammt aber auch jene Verengung des pädagogischen Problems, die die Theorie der Erziehung streckenweise zu einem der unerfreulichsten und unfruchtbarsten Kapitel der Geisteswissenschaften macht. Von ihrem Ursprung in Humanismus und Aufklärung her leidet die Theorie der Erziehung unter einem falschen Ansatz. Erasmus und Vives, Comenius und Ratke sind wohl Reformer der Schule und kühne Neuerer in der Didaktik, aber sie lassen die wesentlichen Fragen unangerührt. Pestalozzi dagegen ist nicht ein bloßer Reformer der Schule, sondern ein Revolutionär der Erziehung. Er befreit die Pädagogik aus ihrer Überwucherung durch die Didaktik und stellt sie auf eigene Füße. Seine Entdeckung der Gemeinschaft als Grundlage aller Erziehung bedeutet die Loslösung der pädagogischen Theorie von den Fesseln des Individualismus und die Gewinnung des einzig möglichen fruchtbaren Ansatzes der Erziehungswissenschaft. Den Ruhm dieser Befreiung genießt bis zum heutigen Tage freilich nicht Pestalozzi, sondern Rousseau.
Im „Emil“ sieht man das Grundbuch der neueren pädagogischen Wissenschaft. Hier meint man die Gedanken zu den, die nicht nur revolutionierend auf ihre Zeit gewirkt, sondern auch den Ansatz des pädagogischen Problems bis zu uns hin bestimmt haben. Die Erziehung des Einzelnen zum „Menschen“ durch planmäßige Entfaltung der in ihm schlummernden physischen und geistigen Kräfte bis zu seiner Einfügung in die menschliche Gesellschaft – das soll von Rousseau an das Programm aller Erziehung und der Schlüssel zur pädagogischen Theorie sein. Unzählige Male ist das nachgesprochen worden, unzählige Male hat man sich damit an dem Genius Pestalozzis versündigt. Denn nicht Rousseau sondern Pestalozzi ist der wirkliche Revolutionär in der Geschichte der Erziehungswissenschaft. Durch Rousseau wird nur eine Seite der Aufklärung überwunden; gerade im entscheidenden Punkt bleibt Verfasser des „Emil“ völlig in der Aufklärung befangen. Pestalozzi dringt bis in die Tiefe vor und zerstört das Aufklärungsdenken in seinem Ansatz. Durch Rousseau ist die Erziehung von der Vormundschaft des Buches befreit worden; das Recht der Kindheit und Jugend ist von ihm gesehen und bejaht worden; ebenso das Recht des Körpers und der Handarbeit. Das mögen wichtige Entdeckungen im Gebiete der Erziehung sein. Aber uns geht es um das Prinzip. Ist Rousseau der Erschließer des wahren Reichs der Erziehung, wie es uns von der liberalen Historie immer wieder vorgestellt worden ist, oder bildet seine Pädagogik lediglich den Höhepunkt des Individualismus der Aufklärung in ihrer durch ihn herbeigeführten letzten Phase?
Die geschichtliche Bedeutung Rousseaus beruht darauf, dass er dem Rationalismus der Aufklärung ein Ende bereitet hat. Gewöhnlich wird angenommen, dass Rationalismus und Individualismus so eng miteinander verbunden seien, dass das Ende des einen auch das Ende des andern bedeuten müsse. Das ist nicht der Fall. Es gibt einen rationalistischen und einen irrationalistischen Individualismus. Rousseau verlässt das individualistische Denken der Aufklärung nicht, wenn er an die Stelle der Vernunft das Gefühl setzt. Was dadurch erreicht ist, ist lediglich ein Individualismus in neuer, gefährlicherer Form. An die Stelle des individualistischen Rationalismus tritt der individualistische Sentimentalismus, die strenge Herrschaft der Vernunft wird abgelöst durch die Anarchie des nur sich selber fühlenden und sein Glück ungestüm begehrenden Herzens. Die Vernunft hat immer noch ihre Maßstäbe und ihre Formen; das entfesselte Herz aber kennt nur sich selber und seine formlose Willkür.
Die „Befreiung“ durch Rousseau führt nicht zu einer neuen, tieferen Bindung, sondern zur Auflösung. Deshalb konnte Rousseau zum Philosophen der französischen Revolution werden, die in sich selber das Maß nicht fand, sondern von außen durch den General Bonaparte zum Stehen gebracht werden musste.
Rousseaus Philosophie ist ohne bindendes Prinzip – wie könnte also sein „Emil“ den richtigen pädagogischen Ansatz enthalten? An die Stelle des rationalistischen Individualismus tritt der irrationalistische – und dieser ist noch gefährlicher als jener! Im „Emil“ werden drei verschiedene Arten von Erziehung unterschieden. Der Einzelne wird erzogen durch die Natur oder die Menschen oder die Dinge. Die Erziehung der Natur ist nicht von uns abhängig, die der Dinge nur in gewisser Hinsicht und auch die durch den Menschen liegt nur bedingungsweise in unserer Hand. Wirklicher Erzieher ist der Zusammenhang der Natur und der Dinge. Der Pädagoge hat nicht zu erziehen, sondern nur dafür zu sorgen, dass nichts getan werde, was das Erziehungswerk der Natur stören könnte. Bei dem Worte „Natur“ ist jede Vorstellung von natürlicher menschlicher Gemeinschaft fernzuhalten. „Natur“ bedeutet lediglich den Zusammenhang der Kräfte und Ereignisse, in den der Mensch gestellt ist; das Ergebnis der Erziehung soll sein, dass er sich zuletzt in einem richtigen Verhältnis zur Natur befindet. Rousseaus „Natur“ ist ein völlig unpersönlicher Erzieher; der Zusammenhang der Natur und der Dinge, durch dessen Rückwirkungen er zur Erkenntnis der eigenen Kraft und Schwäche gelangt, ist ein unmenschlicher.
Die menschliche Gemeinschaft ist in Rousseaus Ansatz in keiner Form enthalten. Emil ist Waise, er steht außerhalb aller Beziehungen und Bindungen. Das einzige menschliche Verhältnis in welchem er von Anbeginn gezeigt wird – das zu seinem Erzieher – bleibt völlig unbestimmt, gestaltlos und kühl. Dieser Erzieher steht neben dem eigentlichen Geschehen, er unterstützt und erläutert nur, was sich von selber vollzieht. Weder die Familie noch der Männerbund wirken auf Emil ein. Der andere Mensch wird für ihn erst in dem Augenblick bedeutend, wo seine Geschlechtlichkeit erwacht. Er tritt ihm in der Gestalt der Geliebten entgegen. Die ausführliche Schilderung der Pubertät bezeichnet daher die entscheidende Wendung im Aufbau des Ganzen. Am Grundsätzlichen wird freilich durch das Auftreten Sophies nichts mehr geändert. Die Erziehung ist vollendet. Emil, der ohne Menschen zum „Menschen“ gebildet worden ist, wird Gatte und Vater und auf diesem Wege Staatsbürger. Emil ist nicht nur in äußerer Einsamkeit und Stille, sondern auch in vollkommener innerer Einsamkeit, gewissermaßen in einem gesellschaftlich leeren Raum aufgewachsen. Wenn er gleichwohl als Staatsbürger in Übereinstimmung mit den Forderungen von Rousseaus politischem Hauptwerk endet, so ist das rein intellektuell betrachtet, kein Widerspruch, denn das Leben in der menschlichen Gesellschaft ist und bleibt ja für Rousseau das Ziel der Erziehung. Sein Emil wird zwar abseits von der menschlichen Gemeinschaft, aber doch für das Leben in der Gemeinschaft erzogen. Darin besteht gerade die eigentümliche Paradoxie des erziehungsphilosophischen Ansatzes bei Rousseau: nur außerhalb der Gemeinschaft (von heute) kann für die Gemeinschaft (von morgen) erzogen werden. Die Erziehung zur wahren, künftigen Gemeinschaft soll durch die Trennung von der verderbten, gegenwärtigen Gemeinschaft möglich gemacht werden. Unbeantwortet bleibt hierbei die Frage, ob es überhaupt möglich ist, einen Menschen außerhalb des Gemeinschaftslebens für die Gemeinschaft zu erziehen. Wie soll wohl ein Mensch, der das Erlebnis der Gemeinschaft nie gehabt hat, in die Gemeinschaft hineinwachsen? Aus dem vereinzelten Egoisten kann durch die Ehe ein Familienegoist werden, aber nicht mit einem Male ein Mensch in der Gemeinschaft. Ohne das Erlebnis der Gemeinschaft von Jugend auf ist eine Erziehung für die Gemeinschaft nicht möglich. Rousseaus System ist das System des vollendeten Egoismus.
(Fortsetzung folgt.)


